Ferienerinnerungen an Weitershain
von Hans Dieter Schulz
Ich bin
wahrscheinlich in unserer Familie derjenige gewesen, der am meisten
von unserer Mutter für häusliche Arbeiten eingespannt wurde. Dafür
hat sie mich wohl aber auch als Gegenleistung mehrere Male zu
Ferienaufenthalten weggeschickt. Ich meine sogar, dass ich am meisten
als Ferienkind weg war.
1936
Weitershain, 1937 Hirschhorn am Neckar, 1938 Berlin-Weißensee, 1939
Küstrin.
Weitershain
1936 ging es
zur Familie Heinrich Theiß VII. nach Weitershain, Post Grünberg bei
Gießen. In dem kleinen Dorf gab es mehrere Heinrich Theiß. Da es
keine Straßennamen und Hausnummern gab, sah man sich genötigt, die
Familiennamen zu nummerieren. Diese Familie hatte einen kleinen
Bauernhof (10 Kühe, 3 Schweine, Hühner, Bienen und Kaninchen). Sie
bestand aus dem Altbauer mit Frau, dem Bauernehepaar mit einem Sohn
Rudolf, der leider im 2. Weltkrieg nicht wieder nach Hause kam.
Die ganze
Aktion wurde von der NSV (Nationalsozialistische Deutsche
Volkswohlfahrt) durchgeführt. Diese organisierte einen Sonderzug,
der uns Kinder bis zu dem gewünschten Bahnhof brachte. So wurde ich
in Gießen aus dem Zug gesetzt, dort kümmerten sich andere Helfer
darum, dass ich in den Zug nach Grünberg kam, und dort wurde ich mit
dem Pferdewagen von der Familie Theiß abgeholt.
Ein großer Teil meines Ferienaufenthaltes
bestand darin, an den landwirtschaftlichen Tätigkeiten teilzunehmen.
So half ich bei der Getreideernte und band Getreidegarben, die dann
zu Hocken aufgestellt wurden. Einmal meinte Herr Theiß, ich sollte
probieren, die Mähmaschine zu fahren. Aber leider fuhr ich nicht
genau an der Schnittlinie entlang, so dass man den Versuch
schnelle aufgab. Am besten war immer die
Frühstückszeit. Aus einem mitgebrachten Korb nahmen wir das selbst
gebackene Brot mit dick Butter und Wurst darauf und aßen es draußen
auf dem Felde. Das schmeckte.
Einmal sagte
Rudolf, der Sohn, zu mir: „Komm, ich zeig dir einmal etwas da im
Wald!“ Wir gingen dorthin und sahen eine Menge Mauerreste, die von
Schlingpflanzen umgeben und mit Bäumen und Büschen überwachsen
waren. „Ja“, sagte er, „hier stand vor dem Dreißigjährigen Krieg ein
Dorf. Es wurde total zerstört und nie wieder aufgebaut.“ Das war
Geschichte, vor Ort erlebt.
Das Dorf soll damals einen Preis für vorbildliche Misthaufenpflege bekommen haben. Das Besondere war: 1. Der Misthaufen war rings von einem Zaun umgeben. 2. Der Mist wurde täglich gleichmäßig verteilt. 3. Jeden Morgen wurde die Schweine auf den Misthaufen getrieben. Die wühlten ihn dann kräftig durch (Belüftung!). 4. Dann wurden die Kühe auf ihn getrieben. Die eliminierten dann wieder das Aufgewühlte. 5. Der Untergrund des Misthaufens war gepflastert, hatte eine leichte Neigung, so dass nach heftigen Regenfällen die Gülle in einen unterirdischen Raum floss. Sie hatte einen besonderen Namen, den ich vergessen habe.
Ich erinnere mich, dass wir einmal mit starker Besatzung (Großeltern, Eltern, Sohn und Ferienkind) mit gefülltem Jauchewagen auf ein Feld fuhren. Jeder bekam einen Stock in die Hand, und dann wurde die Gülle in die Mauselöcher gelassen mit dem Erfolg, dass die Mäuse herauskamen. Sie wurden dann totgeschlagen. Ob unsere Aktion großen Erfolg hatte, weiß ich nicht mehr.
Eine schöne Erinnerung ist das Brotbacken. Da wurden – glaube ich – so 20 Brote auf einmal in dem Dorfbackhaus gebacken. Der große hölzerne Backtrog stand im Keller. In einer Ecke unter einem feuchten Lappen ruhte der Sauerteig. – Wenn der Teig am Backtag fertig war, wurden die vielen Brote auf einen Leiterwagen gestellt und zum Backhaus gefahren. Dort hatte der Großvater mit viel Reisig und Holz den Ofen auf Hitze gebracht.
Ich muss sagen, das Brot hat mir immer vorzüglich geschmeckt. So gab es auch jeden Tag gegen 11 Uhr vormittags eine zweites Frühstück. Hier bekam jeder eine zugeteiltes Stück Wurst für sein Brot. Ich fragte den Großvater, warum das zugeteilt würde. „Ja, meinst du wir hätten soviel Geld, um so üppig zu leben. Wir müssen auch rechnen“, so meinte er. Ich nehme an, dass auch damals schon eine solche Bauernstelle viel zu klein war.
Man war rundum Selbstversorger. Die Theiß hatten das Vieh, einschließlich Kaninchen, Hühner, Gänse und Bienen. Man hatte einen großen Obsthof. Es war fast selbst erzeugt.
Unten im Dorf befand sich eine Sägerei. Der Großvater Theiß war hier als Heizer für die Lokomobile beschäftigt. Ich hab ihm oft zugeschaut, wenn er die Abfallbretter, die beim Sägen anfielen, zerkleinerte, um damit die Lokomobile zu heizen.
Es wurde kolportiert, dass die Weitershainer 1933 zu fast 100 % die Nationalsozialisten gewählt hätten. Wenn es stimmt, so hat es ihnen später doch wohl leid getan, denn 1936 schimpften sie unentwegt über den so genannten Reichsnährstand. Diese Organisation war für den Vierjahresplan der Regierung zuständig. Dazu gehörte, dass die Bauern ihre Zentrifugen nicht mehr benutzen durften. Man hatte ihnen ein wichtiges Teil davon weggenommen, um zu verhindern, dass sie selbst Butter herstellten. Viele umgingen das dadurch, dass sie die Milch sauer stellten, den Rahm abschöpften und dann eben ihre eigene Butter in Form der Sauerrahmbutter hatten. Sie hat auf jeden Fall vorzüglich geschmeckt.
Ein Theiß im Dorf war Sozialdemokrat. In großen Lettern stand an seiner Scheunentür: Hier wohnt einer, der kein Nationalgefühl hat. Das schien ihm aber nichts auszumachen. Er war übrigens wohl ein pfiffiger Kerl. Alle Bauern trugen das Wasser für das Vieh von der Pumpe mit Eimern in den Stall. Er hatte sich eine Anlage gebastelt, die es ermöglichte, durch ein Rohrsystem mit der handgetriebenen Pumpe das Wasser nur durch Betätigen des Pumpenschwengels zu den Kühen zu geleiten.
Am Sonntag ging man hundertprozentig in die Kirche. Die Kirche war voll. Gegenüber vom Kircheneingang wohnte ein Nazi, der am Sonntagmorgen die Kirchgänger ausschimpfte und verspottete. Die Männer saßen oben und die Frauen unten. Ich sah viele Männer, die während der Predigt ihren Kopf auf die Brüstung legten, und nach einiger Zeit hörte man ihr Schnarchen. Wenn der Pastor mit der Predigt fertig war, sagte er mit übermäßig lauter Stimme: Amen! Und dann waren die Köpfe wieder in der normalen Stellung.
Ein Höhepunkt war die Kirmes. Hauptereignis war das Tanzvergnügen. Die älteren Leute saßen – wegen des leichten Hanges etwas erhöht - unter einem Zelt, das zum Tanzboden hin offen war. Ich bekam damals mit, dass man hier, entsprechend der Partnerwahl beim Tanzen, herausfinden konnte, wer wohl demnächst heiraten würde. War ja auch nicht schlimm. Da hatten die alten Leute dann auch ihr Vergnügen.
Einmal hatten meine Gasteltern Theiß Besuch, und Herr Theiß sagte mir: „Hol einmal Pressgürtel rauf!“ Ich verstand „Preßkürtel“. Was waren Preßkürtel? Da man zu Briketts auch Presskohlen sagt, ging ich in den Keller, füllte einen Eimer mit Briketts und brachte sie herauf. Das gab natürlich ein großes Gelächter. (Pressgürtel waren Bindfäden, die für den Selbstbinder gebraucht wurden).
Während meiner Zeit wurde die Küche gefliest. Irgendwie erfuhr ich den Stundenlohn des Fliesenlegers. Das war für mich damals eine enorme Summe, und ich beschloss Fliesenleger zu werden. Aber es kam anders. Ich wurde Lehrer und habe „die Lehren der Weisheit und des Christentums in die Herzen der Kinder gelegt“, wie es in einem Gedicht von Ernst Moritz Arndt heißt. Aber als Kind darf man ja noch träumen.
Die Küche hatte übrigens einen gefliesten Arbeitsteil und einen leicht erhöhten, mit Dielen versehenen Wohnteil. Hier wurden die Mahlzeiten eingenommen.
Im Hof stand ein relativ großer Mirabellenbaum. Die sollten eines Tages gepflückt werden. Wir steigen mit kleinen Gefäßen in den Baum, und wenn die gefüllt waren, entleerten wir sie in einen Korb. Rudolf und ich waren oben im Baum mit dem Pflücken beschäftigt, als Rudolf laut schrie und fluchte. Da hatten die Schweine den Korb entdeckt und waren dabei, die Mirabellen zu vernichten. Wir konnten aber noch einen Teil retten.
Unangenehm waren die vielen Mücken. Ich war über und über mit Mückenstichen bedeckt. Das ist die einzige schlechte Erinnerung an Weitershain.
Mittlerweile
gingen die Sommerferien dem Ende entgegen, und es war immer noch
kein Bescheid da, wann es wieder zurück nach Hagen ging. Herr Theiß
ging zu dem örtlichen Leiter der NSV. Er wollte sich drum kümmern
und kam einige Tage später mit dem Bescheid, ich sollte mit dem
amtlichen NSV-Zettel, der gleichzeitig Fahrausweis war, um den Hals
einfach nach Hagen fahren. Bauer Theiß brachte mich zu dem Bahnhof
nach Grünberg und lieferte mich nach Einlaufen des Zuges beim
Zugführer ab, von dem ich dann in Gießen wieder in „amtliche Hände“
übergeben wurde. Ich durfte von da an im Dienstabteil bis Hagen
fahren. Ich weiß nicht, ob mich jemand in Hagen vom Bahnhof abgeholt
hat, aber ich kann mich noch gut erinnern, dass ich viel geweint
habe, weil ich mir so verlassen vorkam.
In Hagen
erfuhren wir dann, dass der offizielle Transport erst 14 Tage später
vorgesehen war. Ich hätte also ruhigen Gewissens noch 14 schöne
Ferientage genießen können.
Hans-Dieter Schulz, Konrektor i.R., Ziegelstr. 9, 26316 Varel

